Zur Demoraktie – Wir ignorieren Empörung, weil Empörung Anfang allen Wandels ist.

Nach meinem Dafürhalten ist die Erstveranstaltung der RES PUBLICA – Polit-Runde mit Diana Kinnert im SWANE CAFÉ (Wuppertal) durch und durch gelungen. Sowas braucht Wuppertal!
Ich denke, das Format wird sich im Laufe der Zeit im gemeinsamen Diskurs etablieren. Gleichzeitig hoffe ich jedoch, dass das Treffen nicht zu einer „zivilgesellschaftlichen Drehscheibe“ abebbt, in dessen Rahmen engagierte Zivilbürger Initiativen und Aktionen planen, sondern darüberhinaus einen politischen Charakter erfährt, in dem über Inhalte, Ideen und Positionen debattiert und diskutiert wird, um ggf. neue Standpunkte und Blickwinkel zu entwickeln, die im besten Fall im politischen Engagement münden. Außerdem möchte ich insbesondere an junge Leute appellieren und lade sie hiermit zu kommenden Veranstaltungen ein.
Im Folgenden füge ich meinen „Impulsvortrag“ hinzu, den ich gestern vorgetragen habe und der hier in Wort und Schrift nachzulesen ist.

Adé

Zur Demokratie.
-Wir ignorieren Empörung, weil Empörung Anfang allen Wandels ist.-

An erster Stelle möchte ich mich an zwei Adressen wenden: Ich danke Diana dafür, dass sie mir zutraut, bei einem solch großen Begriff wie der Demokratie Impulse anstoßen zu können und auch, dass sie diese Veranstaltung tatsächlich in die Tat umgesetzt hat. Zum anderen möchte ich mich bei den zuständigen des Swane Cafés bedanken, die nicht nur ihr Café zur Verfügung stellen, sondern, so habe ich es verstanden, das Treffen mit initiieren. Vielen Dank, so fängt Demokratie an!

Damit jeder versteht, warum der Typ hier mit dem Zopf überhaupt redet, oder sagen wir vorliest, möchte ich vorab betonen, dass ich in meinem Vortrag weder beabsichtige, die vielfältigen Formen vorzustellen, mit denen Demokratie betrieben wird und zukünftig betrieben werden kann – dahingehend hat, denke ich, jeder, u.a. angesichts der neuen Utopie bzw. Dystopie Internet, hinreichend Phantasie; ansonsten empfehle ich an dieser Stelle, Diana’s Artikel im Tagesspiegel(1), in dem ihre Begeisterung auf den Leser übergreift – noch habe ich die Absicht eine Bestandsaufnahme zur gegenwärtigen Lage der Demokratie zu machen oder dabei gar formalistisch zu werden – auch jenen Befund kennt jeder hier Anwesende, da unser Treffen gerade auf ihm fußt. Sonst wären wir nicht hier. Mir geht’s auch nicht um „mehr“ direkte Demokratie oder um „weniger“ Parlamentarismus. Diese Frage wird die Aufklärung beantworten. Ich möchte nicht groß ausholen und abschweifen oder gar für Parteien werben bzw. selbige kompromittieren. Ich denke, der parteipolitische Kampf gehört nicht hierher. Darunter würde der freimütige Diskurs leiden. Ich selbst bin kein Parteimitglied. Ich wünsche mir also nur, dass ihr mir die nächsten 15 Minuten eure Aufmerksamkeit zuwendet, auch wenn nicht alle mit mir einverstanden sein werden.

Na gut: Meine Rede richtet sich an das Gewissen der Demokratie.

Ich denke, wir, die wir hier zusammen gekommen sind, sind uns in einem Punkt einig: Demokratie darf nicht mit Wahlen anfangen und nicht mit Wahlen aufhören. Sonst wäre sie Schwindel, um politische Macht zu legitimieren – diese Beschränktheit kennen wir exemplarisch in vielen Teilen der Welt. Ein weiteres Resultat wäre, dass, reduziert man die Demokratie auf Wahlen, eine im 4-Jahres-Takt durchgeführte Wahl dem Gang zur sonntäglichen Beichte gleichen würde, der das Gewissen bereinigt, aber nichts gestaltet. Das wäre entmündigend und absurd. Die Demokratie ist auch keine Fernseher–Veranstaltung á la RTL oder Kasper-Theater. Sie ist eine ernste Angelegenheit. Sie geht uns alle an – schon deswegen, weil sie allgegenwärtig ist, schon deswegen, weil wir morgen aufstehen und behaupten werden, frei zu sein.
Doch was bedeutet Demokratie fernab aller Mystifikation und Glorifizierung, kurz, Heiligsprechung? Für mich heißt Demokratie vor allem und zuerst, sich selbst zu regieren.

Demokratie ist aber nicht Selbstzweck und darf erst recht nicht selbstverherrlichend sein. Auch wenn die gegenwärtigen Allüren des politischen Etablissements darauf hindeuten. Diese Eigenschaften sind in Königreichen, in Palästen anzutreffen und als solche regelmäßig für den Genuss weniger vorbehalten. Eine Demokratie hingegen denkt an alle. Außerdem entscheidet sich die Demokratie bewusst gegen ein königliches Gewand. Im Gegenteil, sie bevorzugt ein bescheidenes Antlitz. Die Stärke der Demokratie liegt in ihrer Demut – das ist weder im christlichen noch in einem sonst religiösen Sinne gemeint. Indes ist das Wichtigste einer demokratischen Gesinnung: Sie ist für uns da – für uns alle. Das ist der große Vorzug der Demokratie, weswegen sie einen gesonderten Platz hat, weswegen sie von vielen Völkern angestrebt wird, aber auch, weswegen sie niemals für sich sein kann und darf. Um ein Missverständnis aus dem Weg zu räumen: Demokratie kann nicht alleine funktionieren, sie funktioniert erst durch alle. Demokratie, ohne Gemeinsinn, ist unmöglich. Ich würde sogar so weit gehen und überspitzt sagen, Demokratie, ohne Gemeinsinn, ist Fremdbestimmung; also ein Diktat, also eine Diktatur. Denn, ich denke, ohne den Nächsten, kann man sich nicht regieren. Abseits von Zwischenmenschlichkeiten, braucht man da nur seinen Kühlschrank zu öffnen und zu fragen: woher kommt das ganze Essen überhaupt. Das, so meine ich, darf niemals vergessen werden, will man, dass die Demokratie sich nicht korrumpieren lässt und zum Geschäft wird.

Ein intaktes Gemeinwesen, das sich „demokratisch“ nennt, setzt Engagement voraus. Damit ist nicht gemeint, dass man sich selbst angesichts seines Nächsten oder des Gemeinsinns vergessen soll, oder alle lieben soll. Nein, Engagement meint eine gewisse Anteilnahme an seiner Umwelt und Umgebung haben, damit man weiß, wo man steht, damit man weiß, was man bewegt und was einen bewegt. Ich mein‘, um sich zu regieren, muss man wissen, wo man sich befindet. Das man nicht wegguckt, nicht die Augen schließt, sondern hinsieht, dass man registriert, was steht und fällt, dass man weiß, was mit und um einen geschieht, so bitter, ernüchternd und hart es auch manchmal sein mag. Doch eine Demokratie setzt eben Anforderungen an seine Bürger. Sie verlangt Verantwortung. Das ist ihr nicht vorzuwerfen. Denn deswegen ist der demokratische Mensch, ein freier Mensch.

In Dianas Artikel heißt es u.a., und jener Satz ist so trefflich formuliert, dass er auf mich starken Eindruck machte: „Wir (die Jugend) leben Empörung, weil Empörung Anfang allen Wandels ist.“ Höre ich Empörung, schießt sofort Stéphane Hessel, der französische Résistance-Kämpfer, KZ-Überlebender und lebenslang politischer Aktivist, durch meinen Kopf. Tatsächlich, die Empörung ist der innere Aufschrei im Angesicht einer ungerechtfertigten Ungerechtigkeit. Empörung ist der erhörte Weckruf der Menschlichkeit. Empörung ist das Losreißen aus Ignoranz und Gleichgültigkeit. Empörung ist das emphatische Gefühl, das Täter und Opfer vereint. Was ist Empörung dann anderes, als nicht ein demokratisches Gefühl! Empörung zu leben heißt demokratisch zu sein.
Ich gebe zu, ich bin ein kritischer Mensch, zuweilen habe ich die Schwäche, keinen Ausweg aus meinem Ernst zu finden, sodass es mir schwer fällt, zu lachen, wenn es sonst alle tun. Doch an dieser Stelle möchte ich mit gleichem Ernst fragen: Leben wir wirklich Empörung?
Ich sehe in und außerhalb unserer Gesellschaft viele Ungerechtigkeiten, die vor Ort mit Zugangshindernissen zur Bildung durch sozial randständige Kinder beginnen, über Arbeitslosigkeit und Obdachlosigkeit reichen und mit dem Hungertod zahlloser Menschen in Dritte-Welt Ländern enden – gar nicht erst zu sprechen von der Lohnarbeit oder des wiederaufkommenden Rassismus oder der täglichen Flüchtlingstragödie oder der ökologischen Misere unseres Planeten oder der zahlreichen Verteilungskriege um Besitz oder der dritte Platz Deutschlands beim Waffenexport. Auch befindet sich die Ungerechtigkeit in der Hosentasche beim Griff nach dem Smartphone, weiß man, unter welchen Bedingungen sie in Ostasien produziert werden. Oder, wer kein Smartphone besitzt, denke an die Textilindustrie, an die aus aller Welt importierten Marken- und No-Name-Klamotten, die ein jeder täglich trägt und an denen so viel Schweiß, Leid und Blut klebt. Die Beispiele sind schier endlos und doch empfindet man das diffuse Unbehagen, Mittäter zu sein, wenn man sie nicht zu Ende aufzählt und ausspricht – wenn man schweigt.

Die Empörung ist dabei nicht, dass es so ist, wie es ist, die Empörung ist, dass es so ist, obwohl es nicht so sein muss. Wir haben die Mittel. Wir haben den Reichtum. Beispielsweise haben wir genug Nahrung auf der Welt, um den Hunger zu beenden – das ist rechnerisch und ökonomisch nachgewiesen – und doch ist Hunger für viele Menschen real. Für manch einen mag dieses Beispiel trivial oder profan sein, doch für viele ist der Hunger eine existentielle Frage, die mit Leben und Tod verbunden ist. Doch wir, hier in einer Überflussgesellschaft, wir wissen doch nicht einmal mehr, wie Hunger den Magen verklumpt und den Körper zerreißt und den Verstand lähmt und den Geist bedrängt. Wir wissen nicht, was Hunger ist, weil wir ihn als Stimmung und nicht als Schmerz kennen. Deswegen hören wir die Schreie nicht mehr.

Wenn ich ein symbolisches Bild zu malen hätte, welches Empörung ausdrückt, so wäre es eine geballte Hand. Heute dagegen haben wir unsere Hände entweder in der Hosentasche oder an einem Smartphone.
Natürlich können wir nicht alles im Hau-Ruck-Prinzip ändern. Aber wir können anfangen. Und für einen Anfang, gleichgültig welche Absicht er verfolgt, ist nur eines vonnöten, was gleichzeitig besonders ist, aber auch was jeder besitzt: einen Willen. In meiner täglichen Zeitungslektüre suche ich, offen gestanden, jedoch oftmals vergeblich nach jenen Willen.

Naja, angesichts solcher und anderer und weiterer Ungerechtigkeiten sehe ich wenig gelebte Empörung. Demoskopen, also Meinungsforscher sagen (ich zitiere): „Es gibt einen allgemeinen Trend zur politischen Passivität und Apathie.“ Es ist sogar so weit gekommen, dass unsere Bundesbildungsministerin, Frau Wanka, kürzlich junge Menschen zum politischen Engagement aufrufen musste und in der Rheinischen Post sagte (ich zitiere): „Das ist sehr bedauerlich und besorgniserregend.“, und dann ergänzte: „ … dass heute 30 Prozent der Studenten der Meinung sind, Politik habe mit ihnen persönlich überhaupt nichts zu tun … .“
Früher hatten Minister mit oppositionellen Kräften der Studenten und studentischer Verwegenheit zu kämpfen und haben sich Konformismus gewünscht. Heute wünscht man sich das Gegenteil, da Opposition fehlt. Das klingt nach Ironie, ohne dass sie ein Gelächter nach sich zieht.
Natürlich haben sich die Zeiten geändert. Und das ist auch gut so. Die jungen Leute haben neue Hindernisse, die vielleicht noch höher sind. Wie dem auch sei, wir wissen, die Probleme und die Apathie der jungen Leute rühren vor allem von dem ökonomischen Druck, der auf ihnen lastet – immense Leistungsanforderungen, immenser Lebenslauf, immense Konkurrenz, immense Schulden, immense Karriere, immense Selbstbezogenheit.

Daher gibt es aus meiner Sicht keinen Grund und auch keinen Anlass einen Hohelied auf unsere Untätigkeit, sieht man von Minoritäten ab, zu singen. Auch ein krampfhafter Optimismus ist falsch. Er schürt Verheißungen, die nicht vorliegen, und macht die Enttäuschung am Ende nur noch größer. Leider ist es so, um auf Dianas Zitat zurück zu kommen: Wir ignorieren Empörung, weil Empörung Anfang allen Wandels ist.

Sieht man von der Freiheit der Wirtschaft ab, die die Freiheit der Demokratie zu zerdrücken droht, ist ein großes Übel demokratischer Prozesse: Abstraktion. Mit „abstrakt“ meine ich mehr, aber nicht ausschließlich Intransparenz, oder sagen wir Struktur, und weniger Inhalt der politischen Willensbildung. Ich denke, je abstrakter die politischen Strukturen innerhalb der Demokratie sind, desto gefährlicher sind sie für sie. Das erleben wir zurzeit in sehr starkem Maß – gerade bei der Frage: was nun mit der EU? Man hat als Bürger förmlich den Eindruck, dass eine strikte Linie die Bevölkerung mit der Politik durchtrennt, dass zwei voneinander durch ein dickes Glas Ausgegrenzte sich gegenüber sitzen, ohne einander hören zu können, da eine Verbindung fehlt. Die Politik ist ein Hort elitärer Kreise geworden und bekundet sich zum größten Teil durch Berufspolitiker. Nicht nur, dass das Verhältnis Bürger – Politik abstrakt wird, auch die Politik selbst wird durch den elitären Berufspolitiker abstrakt. Die Politik spricht die elitäre Sprache. Und die elitäre Sprache ist abstrakt. Die elitäre Sprache macht Politik „alternativlos“. Sie untergräbt Kontroverse. Sie macht Politik zu einem Sachverständigenrat. Vergessen wir nicht: Elitarismus bedeutet nicht Intellektualität. Elitarismus ist ein Privileg. Man ist nicht als Elite geboren, man wird es.

Ich wünsche mir Politiker, die im Leben stehen. Ich wünsche mir, dass die Politik Ziele verfolgt, die nicht mit relativen Zahlen zu bemessen sind. Ich wünsche mir, einen konkreten Umgang der Politik mit den Belangen der Bürger. Ich wünsche mir, Ernst und vor allem Ehrlichkeit. Um ein Beispiel dieses Umgangs zu nennen: bspw. erzählen uns Politiker, dass, ohne jetzt über die Richtigkeit streiten zu wollen, Freihandelsabkommen wie TTIP oder CETA gut für alle sind, da sie Wachstum versprechen, aber gehen nicht darauf ein, wenn Bürger die Demokratie dadurch ernsthaft gefährdet sehen. Allenfalls wird darauf mit ökonomischen Formeln und Studien geantwortet, so, als ob der Politiker von heute kein Menschenversteher, sondern Sachverständiger wär. Das ist falsch. Das ist verachtend. Das schafft Unmut. Das demotiviert. Das säht Misstrauen. Im schlimmsten Fall: Es provoziert Desinteresse, sodass das Selbstbewusstsein der wirklich demokratischen Menschen, und davon gibt es sehr viele, auch unter uns jungen Leuten, leidet. Man traut sich nichts zu sagen, da man sich unterlegen fühlt, da man denkt, es sowieso nicht zu verstehen. Man hat Angst der dumme Unwissende zu sein, der belächelt und ausgelacht wird. Man darf nicht vergessen: Auch die Demokratie atmet. Sie hat ein Herz. Sie hat einen Puls. Der Kontakt zwischen Bevölkerung und Politik ist der Sauerstoff einer Demokratie.

Dabei möchte ich aber warnen und den Kreis schließen: Ich denke, wir dürfen nicht die Absicht haben, die Menschen politisch zu mobilisieren, um ihre Wahlstimme abzufangen, sondern, wir müssen die Absicht haben, die Menschen politisch zu mobilisieren, damit sie sich selbst regieren. Das Erste wird die Demokratie aushöhlen, das Zweite wird die Demokratie beleben.

Naja, jetzt bin ich zum Schluss gekommen und würde gerne mit dem Zitat eines französischen Intellektuellen schließen, welchen sicherlich der ein oder andere aus einem Roman des letzten Jahrhunderts kennen wird: „Wenn wir alle schuldig sind, dann beginnt die Demokratie.“

Ich erlaube mir hinzuzufügen: wir sind schuldig, doch wir wissen es noch nicht.

Danke!

(1) http://www.tagesspiegel.de/meinung/andere-meinung/demographie-und-demokratie-wir-sind-der-satan-unter-den-generationen/11041784.html

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s